Lia Stern

Ein Lebenslauf

Mit sechs Jahren steckt mich meine Mutter ins Kloster. Katholische Schwestern und Priester sollen mich groß ziehen und mir Disziplin und Anstand beibringen! Beschäftigung brauche der junge Mensch, sonst würde nichts werden aus ihm! Ballett am Montag, Klavier am Dienstag, Schach am Mittwoch, Chorprobe am Donnerstag, Schwimmen am Freitag, Lesezirkel am Samstag, Messe am Sonntag. Warum? Damit ich es einmal leichter habe im Leben. Und weil es das Beste ist für mich.

Mit zehn Jahren hängt der Haussegen schief. Mir drohte ein „Befriedigend“ in Mathematik! Von hier an würde es nur mehr bergab gehen mit meinem Leben, wenn sich nicht schnellstens etwas änderte! Kein Gymnasium in ganz Wien würde mich aufnehmen! Was würde dann aus meiner Juristenkarriere werden? Wozu wurde so viel Geld gespart und investiert in die junge Hoffnung? Da helfe nur eines: viele Zusatzdienste in einem Wiener Krankenhaus um die teuren Mathematiknachhilfestunden zu finanzieren, die dem Dreier ein Bäuchlein wegzaubern und den Weg ins Wiener Gymnasium ebnen sollen. Warum? Damit ich es einmal leichter habe im Leben. Und weil es das Beste ist für mich.

 

Mit elf Jahren bin ich konfrontiert mit lebensentscheidenden Fragen: Latein oder Französisch? Musik oder Bildnerische Erziehung? Geometrisches Zeichnen oder Mathematik? Ich bin mir nicht sicher? Was möchte ich denn mal machen, wenn ich groß bin? Wie, ich wisse es noch nicht? Die Mama meinte doch aus mir werde einmal eine große Juristin! Das habe ich doch in einem Film gesehen und das hätte mir doch so gut gefallen! Wie die gewohnt hätten und wie die ausgesehen hätten! Ja dann müsse ich doch Latein wählen! Das brauche man doch für Römisches Recht! Und später dann Französisch. Das ist doch die Sprache der Diplomaten! Judex non calculat, also vergiss die Mathematik! Aber die Kunst, die Musik, die sind wichtig! Ja für die Allgemeinbildung!  Damit ich zeigen kann wie gewandt ich bin, wenn ich mich mit den Regierungschefs der Welt unterhalte! Warum? Damit ich es einmal leichter habe im Leben. Und weil es das Beste ist für mich.

Mit vierzehn Jahren laufe ich auf Wettbewerben um mein Leben. Auf Tanzwettbewerben! Auf Geschichtsolympiaden! Auf Französischolympiaden! Wieso fahre ich denn nicht mit zur Lateinolympiade? Die Tanja aus meiner Klasse fahre doch auch! Wie, ich sei nicht gut genug? Als Juristin in spe müsse ich das doch ganz locker aus dem Ärmel schütteln! Ich muss mich zusammenreißen! Sonst würde das nichts werden mit der großen Juristenkarriere! Aber zuerst solle ich noch zum Klavierwettbewerb fahren um meinen Chopin zu spielen. Wie, ich wolle da eigentlich nicht hin und möchte aufhören? Ob ich eigentlich wisse wieviel mein Piano gekostet habe? Mehrere tausend Euro! Das sind mehrere hunderttausend Schilling! Ich werde zu Ende bringen was ich angefangen habe! Warum? Damit ich es einmal leichter habe im Leben. Und weil es das Beste ist für mich.

Mit siebzehn Jahren schreibe ich Fachbereichsarbeiten und Spezialgebiete. Das ist doch ganz klar in welchen Fächern! Latein! Latein über alles! Das brauche man als Juristin! Und Deutsch! Als Juristin müsse man sich schön ausdrücken können! Menschen überzeugen! Und Geschichte! Kapitelweise Zahlen und Fakten auswendig lernen! Das müsse doch eine Juristin können! Warum? Damit ich es einmal leichter habe im Leben. Und weil es das Beste ist für mich.

Mit neunzehn Jahren stehe ich am Wiener Ring vor einem altehrwürdigen Gebäude. Was ich inskribieren möchte? Das ist doch ganz klar! Rechtswissenschaften! Das möchte ich doch schon seit ich ganz klein bin! Das habe mir doch immer schon gefallen! Darauf habe ich doch all die Jahre hingearbeitet! Wie, ich würde viel lieber Literatur studieren? Was wolle ich denn damit machen? Danach fände ich doch sicher keinen Job! Ich solle schön brav die Schottengasse entlang gehen bis ich an einen großen Glaspalast stoße und erst vier Jahre später wieder heraus kommen mit meinem Bescheid! Warum? Damit ich es einmal leichter habe im Leben. Und weil es das Beste ist für mich.

Mit fünfundzwanzig Jahren sitze ich immer noch im Glaspalast und zwinge mich durch Paragraphen. Ich solle mich doch ein bisschen beeilen! Meine Freunde seien doch schon alle fertig! Wie, das sind nicht meine Freunde? Sie sehen doch alle so anständig und nett aus! Und sie machen auch was aus ihrem Leben! Sie gehen zu Ballproben und eröffnen Bälle in der Wiener Hofburg! Wie schön! Und Praktika machen sie! Praktika wollte ich doch auch machen! Bei der UNO! Bei der EU! Bei der Außenhandelsstelle der Wirtschaftskammer! In Kanzleien! Warum? Damit ich es einmal leichter habe im Leben. Und weil es das Beste ist für mich.

Mit siebenundzwanzig Jahren fühle ich mich um ein Vielfaches müder und älter als ich bin. Wieso ich so unglücklich und bitter sei? Das ist doch mein Leben! Ich alleine habe doch all die Entscheidungen getroffen! Es hat mich doch niemand zu etwas gezwungen! Ich solle mich beruhigen und aufhören zu weinen! Ich wollte doch Klavier, Ballett, Schach, Singen, Schwimmen, Lesen, Beten lernen! Ich wollte auf Tanzwettbewerbe, Französischolympiaden, Geschichtsolympiaden, Klavierwettbewerbe fahren! Ich wollte doch Jus studieren! Schon mein Leben lang! Ich wollte doch Praktika machen bei der UNO! Bei der EU! Bei der Außenhandelsstelle der Wirtschaftskammer! In den Kanzleien! Das war doch alles meine Entscheidung!

WARUM? Habe ich es nun wirklich leichter im Leben? Ist es wirklich das Beste für mich?