Schreiben übers Schreiben

✒️ SCHREI­BEN ÜBERS SCHREI­BEN

Schreiben ist eine kreative Spielwiese

VON CLAU­DIA DABRIN­GER

Gibt es etwas Schö­ne­res, aber auch etwas Schwie­ri­ge­res? Wer schreibt, tut es meist ein­fach, über­legt nicht lan­ge, son­dern setzt sich hin und füllt das (vir­tu­el­le) Blatt Papier mit Zei­chen, Buch­sta­ben, Gedan­ken, Geschich­ten, Gedich­ten, Lust und Lei­den­schaft. Ob was G’scheites dabei her­aus­kommt oder nicht, ist im ers­ten Schritt sekun­där – Haupt­sa­che, man tut es. Oder?

Wenn ich zurück bli­cke, wie mei­ne per­sön­li­che Lie­bes­ge­schich­te mit dem Schrei­ben begon­nen hat, erin­ne­re ich mich zuerst an das Schrei­ben für ande­re: Auf­sät­ze in der Schu­le für die Leh­re­rin, Dan­kes­brie­fe für ent­fernt leben­de Ver­wand­te, wenn sie mir zum Geburts­tag oder zu Weih­nach­ten ein Packerl geschickt haben. Doch spä­ter fand ich in einem Schreib­wa­ren­ge­schäft ein him­mel­blau­es Schreib­heft mit einem put­zi­gen Mäd­chen auf dem Cover. Ich lieb­te es von Anfang an (das Schreib­heft und das Mäd­chen) und über­leg­te lan­ge, womit ich die ers­te Sei­te fül­len könn­te. Und dann kam die ers­te Lie­be, der ers­te Lie­bes­kum­mer und damit das ers­te Gedicht. Ein Gedicht des­halb, weil die Kako­pho­nie mei­nes Innen­le­bens kei­ne gan­zen Sät­ze aus­spuck­te, son­dern nur die Hälf­te. Unter­ein­an­der geschrie­ben, lasen sich die Zei­len nicht schlecht und sogar tref­fend. Damit wur­de aus dem him­mel­blau­en Schreib­heft eine Art Zufluchts­höh­le, in die ich mich zurück­zog, wenn ich mit mir selbst mein Dasein, mei­ne Unsi­cher­hei­ten und Ängs­te in Halb­sät­ze packen woll­te.

Hät­te ich mir damals träu­men las­sen, dass ich als Schreib­päd­ago­gin Deka­den spä­ter Men­schen dabei beglei­ten darf, ihren eige­nen Aus­druck und ihre eige­ne Spra­che zu fin­den? Nie­mals. Und auch wenn eben die­se Deka­den hin­ter mir lie­gen, stel­le ich doch fest: Schrei­ben zu wol­len ist für vie­le Men­schen ein Wunsch, den sie lan­ge mit sich her­um tra­gen. Und wenn sie sich dann über­win­den, sich einer Schreib­grup­pe anzu­schlie­ßen, einen Schreib­work­shop oder eine Aus­bil­dung zu machen, eröff­net sich eine kom­plett neue Welt. Ihre Innen­welt.

In einem mei­ner Schreib­work­shops, der sich mit Krea­ti­vi­täts­tech­ni­ken beschäf­tigt, gebe ich den Teil­neh­men­den bereits in der Woche vor­her eine Auf­ga­be: „Sucht Euch ein schö­nes Schreib­heft und einen guten Stift und legt bei­des an eine Stel­le in Eurem Wohn­um­feld, an der Ihr jeden Tag vor­bei kommt. Es ist ver­bo­ten, bis zum Schreib­work­shop etwas hin­ein­zu­schrei­ben.“  Das mag banal klin­gen, doch genau damit beginnt das Schrei­ben, näm­lich mit der Lust, es zu tun. Und die beginnt oft genau dann, wenn man etwas NICHT tun darf. Die­se Auf­ga­be hat aber auch noch einen ande­ren Hin­ter­grund. Vie­le Men­schen glau­ben, dass es etwas ganz Beson­de­res ist, zu schrei­ben. Dass alles stim­men und gram­ma­ti­ka­lisch kor­rekt sein muss, dass kein Geschmie­re erlaubt ist und jeder Satz in Stein gemei­ßelt ist. Und des­halb gebe ich mei­nen Teil­neh­men­den eine Woche Zeit, um sich dar­auf vor­zu­be­rei­ten – inner­lich. Doch die Über­ra­schung kommt inner­halb der ers­ten Stun­de: In die­sem Heft ist ALLES erlaubt. Denn die­ses Heft ist nur für den Schrei­ben­den, kei­ner liest es, kei­nen hat es zu inter­es­sie­ren. Es ist nur für uns da, für unse­re Gedan­ken und Geschich­ten, Zwei­fel und Sie­ge. Man kann malen und etwas hin­ein­kle­ben, Bunt­stif­te ver­wen­den oder Schwarz-Weiß-Skiz­zen anfer­ti­gen. Alles nur für uns selbst. Wenn das kei­ne krea­ti­ve Spiel­wie­se ist!

Genau das ist Schrei­ben – eine krea­ti­ve Spiel­wie­se. Und wie wir alle wis­sen, wird das Spie­len umso lus­ti­ger, je mehr Spie­le wir ken­nen. Schrei­ben hat viel mit Neu­gier­de zu tun. Neu­gier­de für uns selbst, wenn wir immer tie­fer in uns selbst drin­gen und erfah­ren, dass wir ein wan­deln­der Geschich­ten­pool sind, den wir anzap­fen kön­nen. Neu­gier­de aber auch für die unter­schied­li­chen Aus­drucks­for­men des Schrei­bens. Elf­chen, Hai­kus, Vil­la­nel­len einer­seits, Essays, Kurz­ge­schich­ten und Roma­ne ande­rer­seits – und dann noch alles, was dazwi­schen liegt in die­sem wei­ten Feld zwi­schen Epik, Lyrik und Dra­ma­tik. Für das, was wir aus­drü­cken wol­len, die rich­ti­ge Form zu fin­den, ist eine ste­ti­ge Her­aus­for­de­rung und Freu­de. Glück­li­cher­wei­se sind Schrei­ben­de heu­te sehr frei in der Wahl ihrer Werk­zeu­ge, kön­nen mischen, expe­ri­men­tie­ren und erfin­den, was das Zeug hält. Die Gren­zen sind schon lan­ge gesprengt, doch wie heißt es so schön: „Man muss die Regeln ken­nen, um sie bre­chen zu kön­nen.“

In einem ers­ten Schritt habe ich mir eine beruf­li­che Hei­mat im Jour­na­lis­mus gesucht. Das ist inzwi­schen über 30 Jah­re her. Und auch wenn man es kaum glau­ben möch­te in Zei­ten wie die­sen: Es gibt Regeln im Jour­na­lis­mus, sehr genaue sogar. Ich brauch­te eini­ge Jah­re, um mich mit ihnen ver­traut zu machen, in den ver­schie­dens­ten Medi­en. Doch irgend­wann waren sie mir zu eng. Woll­te ich das Feld wech­seln? Nein. Aber ich woll­te eine neue Per­spek­ti­ve auf mein Schrei­ben inner­halb des vor­ge­ge­be­nen Rah­mens gewin­nen, die Gren­zen qua­si deh­nen. Der kon­se­quen­te zwei­te Schritt: Schreib­päd­ago­gin wer­den. Und wäh­rend die­ser Aus­bil­dung lern­te ich die­se Deh­nung sehr inten­siv, auch mei­ner eige­nen Denk- und Schreib­welt. Müs­sen Fak­ten sein? Nein. Müs­sen Sät­ze sein? Nein. Muss Schrei­ben über­haupt einen Sinn erge­ben? Nur bedingt. Haupt­sa­che, man tut’s. Mit der bereits erwähn­ten Lust, Lei­den­schaft und Neu­gier­de.  Und schnel­ler als man glaubt – vor allem wenn man gemein­sam schreibt und sich dar­über aus­tauscht -, weiß man, dass man schrei­ben kann. Dass die eige­nen Wor­te Sinn erge­ben, Freu­de schen­ken und die Gren­zen des eige­nen Seins spren­gen. Das alles kann Schrei­ben, war­um also nicht gleich damit anfan­gen?

Die Rei­he „Schrei­ben übers Schrei­ben“ wird vom
Berufs­ver­band Öster­rei­chi­scher Schreibpädagog:innen (BöS) gestal­tet. 

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