
Veronika Wlasaty:
Ich heiße Franz
Eine Kindheit im Krieg. Nach Aufzeichnungen von Franz Wlasaty (1933–2021)
Bibliothek der Provinz, 2024
ISBN: 978–3‑99126–204‑6
216 Seiten, € 18,00
Rezension: Peter Paul Wiplinger
Kindheit im Krieg
„Ich heiße Franz“ – mag der kleine Bub den beiden neuen Kindergartentanten, die jetzt anstatt der Ordensfrauen, der „Kreuzschwestern“, den Kindergarten führten, auf deren Frage, wer er denn sei, geantwortet haben. Das war in Haslach an der Mühl, im Mühlviertel, im März 1938.
Österreich hatte aufgehört, als Staat zu existieren. Das Land war nun „Deutsches Reich“. Man sang „Deutschland, Deutschland über alles …“ und das „Horst- Wessel-Lied“ – „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen! SA marschiert mit ruhig festem Schritt“.
Zurück zur Kindergarten-Passage im Buch, wo es heißt: „Die Tante lächelte mich an und sagte Heil Hitler! Ich hob auch die Hand, lächelte zurück und sagte: Grüß Gott! Das war die Macht der Gewohnheit … das sollte ich noch am eigenen Leib zu spüren bekommen … Wir standen auf der schwarzen Liste der neuen Partei, da mein Vater als treuer Sozialist bekannt war.“
So beginnt die Erzählung von Franz W. von seiner Kindheit in der Nazizeit im Mühlviertler Ort Haslach an der Mühl, wo man heute noch so tut, als hätte es dort nie eine Begeisterung für die NSDAP gegeben. Wo man auch von den mindestens zehn NS-Morden an Haslachern im Rahmen der T4-Operationen jahrzehntelang nichts wissen wollte. Oder von jenem fanatischen SA-Mann, dem kleinen Gestiefelten mit dem böhmischen Namen, der den Vater vom Franz denunzierte, worauf dieser in eine Strafkompanie abkommandiert wurde, wo er umkam. Und so wuchs dann der Franz ohne Vater auf. Und trieb sich gerne als Gassenbub herum.
Anfangs war der Franz ja begeistert vom Führer, weil der mit seiner Partei so viel Neues brachte, von den neuen Wasserspülklosetts im Kindergarten bis zu den abenteuerlichen HJ-Lagern unten am Fluß, die zwar aufregend waren, wo es aber streng zuging. Daß es da der Schwächling Albert, sein Freund, nicht leicht hatte, weil er vom Bannführer und den anderen stets nur gehänselt, ja malträtiert wurde, versteht sich von selbst.
Und auch den Krieg sah der Franz anfangs als ein großes Abenteuer oder eben – wie der Bannführer sagte – „als eine Maßnahme Deutschlands, die Völker von den Juden zu befreien. Denn: Wenn die Deutschen erst einmal in aller Welt herrschten, dann sei das Glück der Menschheit garantiert.“
Die ersten Zweifel an all dem Glorreichen, das man vordem hinausposaunt hatte, kamen dem Franz aber dann doch bei den „Heldenehrungen“ beim Kriegerdenkmal, die zuvor sehr feierlich, jetzt aber in immer kürzer werdenden Abständen immer schludriger geworden waren. Da redete der Nazi-Apotheker immer unverständlicher etwas daher, so als ob er besoffen wäre.
Schön und verwirrend, dann aber schmerzhaft war für den Franz das erste Verliebtsein – in die kleine Erna vom Wanderzirkus. Aber die durften nicht bleiben. Ansonsten nahm man halt alles so mit, was es auf der Straße gab und was man erleben konnte. Man hörte viel, sprach aber selber wenig. So hatte es ihm sein Vater eingebläut: Was daheim geredet wird, das geht niemanden etwas an, darüber sprichst du nicht, Franz, kein Wort!
Aber manches war sowieso allgemein bekannt. Einen reichen Kramerjuden soll es auch im Ort gegeben haben; einen, der fünf Häuser und zwei Geschäfte hatte und enorm reich war. Sagte man. Aber der sei kein richtiger Jud‘ gewesen, weil er christlich war, obwohl er nie in die Kirche ging. Seine kleine Tochter Ruth ging im Ort zur Schule. Später hatte der Kramerjude einen tödlichen Unfall; hieß es. Genaues wußte man aber nicht.
Dann gab es im Radio die Nachrichten von den „Frontbegradigungen“. Schließlich gab es keine Heldenehrungen mehr, sondern nur „Verlautbarungen“. Dann war die Rede vom „Endsieg“. Aber der Feind kam näher. Panzersperren wurden gebaut. Die Waffen-SS fuhr mit ihrem letzten Panzer und Geschütz wieder in den Ort. Da begann der Beschuß vom nahen Hügel, dem „Bründlberg“ aus von Neuem. So erzählte man uns das nachher. Aber wir Kinder, auch ich und der Franz Wlasaty, waren da mit den anderen schon evakuiert. Wir waren durch den Wald zu umliegenden Bauern gegangen, wo wir im Heu schliefen. Kurz darauf war der Krieg aus. Alle kehrten wieder in den Ort zurück. Wir Kinder sammelten die Scherben ein und brachten sie zum Abfallhaufen, wo auch die Hitler-Bilder verbrannten. Und dann spielten wir auf dem Marktplatz „Tempelhüpfen“. So wie es mir meine 88-jährige Schwester gestern bestätigt hat.
Veronika Wlasaty, die Tochter vom Franz, hat nach seinem Tod 2021 dessen Aufzeichnungen gefunden und mit diesen als Grundlage ein wunderbares Buch gemacht.
Rezension: Peter Paul Wiplinger (2.10.2024)