✒️ SCHREIBEN ÜBERS SCHREIBEN
La Traviata
VON ERIKA KRONABITTER
Da war ich wieder mal bei den Bregenzer Festspielen. Aufführungen am wunderschönen Bodensee habe ich bereits mehrmals besucht, auch wenn ich eine Kunstbanause bin. Die Kunstbanausen-Erkenntnis stammt nicht von mir – Eva krönte mich vor einigen Jahren mit diesem Titel. Ich hatte sie in ihrer Seniorenresidenz besucht und mich über die liebes- und todestriefenden Operntexte beklagt.
„Das ist opernimmanent. Die Opern handeln von unglücklicher Liebe und Tod“, sagte Eva in vorwurfsvollem Lehrerton. „Diese Motive sind zentrale Grundmuster der Operngeschichte.“
„Das ist doch langweilig“, widersprach ich. „Ständig wiederholen sich die Verbindungen Liebe → Konflikt → Verlust → Tod.“
Sei es bei La traviata, hier geht es um Liebe, gesellschaftliche Ausgrenzung, Krankheit und Tod, bei Madama Butterfly um verlassene Liebe und Suizid, Carmen strotzt vor Leidenschaft, Eifersucht und Mord, Tristan und Isolde behandelt eine Liebe, die sich erst im Tod vollständig erfüllt, bei Roméo et Juliette ist es Liebe und gemeinsamer Tod, bei Rigoletto Liebe, Verrat und der Tod der Tochter, und bei Tosca ist Liebe, politische Gewalt, Mord und Selbstmord im Spiel.
Zentrale Grundmuster der Operngeschichte! Von mir aus. Aber warum werden die Texte sprachlich nicht angepasst. Dieses schwülstige Gelaber ist ja nicht auszuhalten.
„Ach, was bist du für eine Kunstbanause!“ rief Eva erbost. „Das hat mit der Form der Oper zu tun. Oper braucht große emotionale Fallhöhen (als ob ich das nicht gewusst hätte). Eine glückliche, dauerhaft erfüllte Liebe ist dramaturgisch langweilig. Eine Liebe aber, die an gesellschaftlichen Normen, Macht, Familie, Eifersucht, Krieg oder Standesunterschieden zerbricht, ist der Baustein für die Dramaturgie, weil alle Emotionen zugespitzt werden können.”
“Dann wird es langsam an der Zeit”, sagte ich zu Eva, “dass sich die Dramaturgie anstrengt und neue Formen findet. Das Baumaterial ändert sich. Diese Themen und Spannungsbögen sind über vierhundert Jahre alt!”
Eva saß auf ihrem Bett und starrte wütend zum Fenster hinaus. “Was bist du für eine Kunstbanause”, wiederholte sie verächtlich.
“Ich sage nichts gegen die Musik,” versuchte ich einzulenken. “Auch nichts gegen die Opernsängerinnen. Aber die Texte müssen angepasst werden. Die Sprache hat sich geändert. Die Wissenschaft, die Philosphie, religiöse Texte – alles hat einen Wandel durchgemacht.”
Eva ließ sich aufs Kissen zurückfallen, drehte sich zur Seite. “Ich bin müde”, sagte sie. “Bis zum nächsten Mal.”
Es gab kein nächstes Mal. Eva vererbte mir einen runden Designer-Beistelltisch aus Chrom und Glas sowie ein niedriges Fauteuil mit braun-weiss-kariertem Seidenbezug, das ich als Bücherstapelstuhl verwende. Und für schriftliche Notizen. “Libretti verdrehen” habe ich hier notiert. Inspiriert durch Katja Renzlers Workshop “Märchen verdrehen*”. Auch Märchen bestehen (trotz der unglaublichen Vielfalt) aus Grundbausteinen. „Manche Märchen transportieren Vorstellungen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Es ist höchste Zeit, sie umzuschreiben!“ schreibt Katja Renzler.
In ihrem Workshop werden aus einem Cocktail verschiedener Märchen neue Märchen gemixt und/oder Märchen als Vorlage genutzt und umgeschrieben, sodass sich moderne Märchen, emanzipierte Märchen, schräge Märchen, Horrormärchen usw. ergeben. – Ein Märchen-Update – … in meinem Fall wird es ein Libretto-Update. Und die Frau wird nicht sterben.
* Märchen verdrehen – am 8. Jänner 2027
Ein ONLINE-Schreibworkshop mit Katja Renzler
www.bös.at
✒️ ERIKA KRONABITTER:
Als Autorin versucht sie jeden Tag aufs Neue, am Schreiben „dran“ zu bleiben. Manchmal entsteht dabei Literarisches. Zuletzt entstand das Sachbuch Schreibpädagogik. Eine Einführung
Als Schreibpädagogin versucht sie, die Lehrgangs- und Workshopteilnehmer:innen von der Lust der Inspiration zu begeistern und zur Umsetzung der Ideen zu animieren.
Als Organisatorin steht sie immer wieder vor der Tatsache, dass der Tag nur 24 Stunden hat und viele Ideen auf die Want-to-do-Liste gesetzt werden müssen.

Die Reihe „Schreiben übers Schreiben“ wird vom
Berufsverband Österreichischer Schreibpädagog:innen (BöS) gestaltet.
