Das genaue Hinschauen macht den Unterschied

✒️ SCHREI­BEN ÜBERS SCHREI­BEN


Das genaue Hinschauen macht den Unterschied

VON CLAU­DUA DABRIN­GER

Die jour­na­lis­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­se an das Schrei­ben kann dem Autor:innentum Tie­fe und Exper­ti­se brin­gen.

Die berühm­ten W‑Fragen (Wer, Was, Wann, Wo, Wie – manch­mal und idea­ler­wei­se ergänzt um das War­um) sind die Grund­aus­stat­tung jour­na­lis­ti­schen Arbei­tens. Dabei wur­den sie ursprüng­lich noch nicht ein­mal vom Jour­na­lis­mus erfun­den, son­dern in der Anti­ke von Rich­tern und Anwäl­ten dazu her­an­ge­zo­gen, um Sach­ver­hal­te auf­zu­klä­ren. Nun: In der heu­ti­gen Zeit braucht es mehr denn je die­se Fra­gen, um kom­pli­zier­te und kom­ple­xe Sach­ver­hal­te auf­zu­klä­ren – auch für Autor:innen. Rudyard Kipling drück­te das in einem klei­nen Gedicht aus:

I keep six honest ser­ving-men (They taught me all I knew); Their names are What and Why and When And How and Whe­re and Who.
(„Ich habe sechs ehr­li­che Die­ner, sie brach­ten mir alles bei, was ich weiß; ihre Namen sind Was und War­um und Wann und Wie und Wo und Wer.“)

Gera­de wenn es um das Ver­fas­sen lite­ra­ri­scher Geschich­ten geht, kön­nen die­se “sechs ehr­li­chen Die­ner” eine Hil­fe sein, um Klar­heit, aber auch Prä­gnanz in das Schreib­vor­ha­ben grund­sätz­lich, aber auch die Geschich­te im Spe­zi­el­len zu brin­gen. Gehen wir sie in der Kipling’schen Rei­hen­fol­ge durch:

Was?

In der Vor­be­rei­tung hilft das Was, uns dar­über klar zu wer­den, wor­über wir eigent­lich schrei­ben möch­ten. und im Schreib­vor­gang unter­stützt es dabei, auf der gewähl­ten Linie zu blei­ben und nicht den roten Faden zu ver­lie­ren.

Warum?

Für mich per­sön­lich die wich­tigs­te Fra­ge dies­seits und jen­seits des wei­ßen Blat­tes oder Bild­schirms, aber beim Schrei­ben vor allem aus einem Grund: sich selbst und die Inten­ti­on zu hin­ter­fra­gen. Die Autorin und Femi­nis­tin Ger­traud Klemm hat in einem bald erschei­nen­den Inter­view auf dem BÖS-Blog fol­gen­de Blick­win­kel eröff­net: 

War­um schrei­be ich? Wegen des Gel­des? Bestimmt nicht. Wegen der Auf­merk­sam­keit? Schon eher. Von wem bekom­me ich die, was bringt sie mir und zu wel­chem Preis kommt das alles? 
Schrei­be ich, um geliebt zu wer­den? Wenn ja – kann ich bestim­men, wer mich liebt, wie lan­ge will ich von wem geliebt wer­den, und wie werd ich die Lie­be wie­der los??
Oder schrei­be ich wegen des Bedürf­nis­ses, die Welt bes­ser zu ver­ste­hen und sie mir selbst zu erklä­ren? Wenn ja – ertra­ge ich, es mit einem Gegen­über auf­zu­neh­men, das immer anony­mer wird, das zuneh­mend des­po­ti­scher wird, das stän­dig die Regeln ändern kann?

Im Schreib­pro­zess selbst hilft das War­um, um die Beweg­grün­de der han­deln­den Per­so­nen zu hin­ter­fra­gen und ihre Akti­vi­tä­ten und Aktio­nen authen­tisch erschei­nen zu las­sen. Auch ist es wich­tig für das Set­ting. Bei­spiels­wei­se hilft es der Strin­genz eines Tex­tes, zu begrün­den, war­um eine grü­ne Vase oder ein Paar aus­ge­latsch­te Schu­he wich­tig für den Plot sind.

Wann?

Her­aus­zu­fin­den, wann man am bes­ten schreibt, ist wohl eines der gro­ßen Geheim­nis­se der lite­ra­ri­schen Pro­duk­ti­vi­tät. Von vie­len Schriftsteller:innen ist bekannt, dass sie ent­we­der mor­gens oder spät­abends am bes­ten geschrie­ben haben. In den sel­tens­ten Fäl­len dau­er­te ihr Fokus län­ger als drei bis fünf Stun­den. Her­aus­zu­fin­den, wel­cher Schreib­typ man ist, hilft bei der Beant­wor­tung der Fra­ge nach dem Wann immens. Im Schreib­pro­zess spielt die­se Fra­ge eine Rol­le, wenn wir zu ent­schei­den haben, ob wir unse­re Geschich­te in einer bestimm­ten his­to­ri­schen Peri­ode ansie­deln. Dar­aus resul­tiert, dass wir in die jour­na­lis­ti­sche Qua­li­tät der Recher­che tau­chen müs­sen, um alles zu erfah­ren, was signi­fi­kant für die­sen Zeit­raum sein könn­te.

Wie?

In der Schreib­vor­be­rei­tung ist es wich­tig, das rich­ti­ge Medi­um für sich zu wäh­len. Schrei­be ich mit der Hand in einen Notiz­block, ein Schreib­buch oder auf Flip­chart-Blät­ter? Oder ent­schei­de ich mich für den Lap­top und alle Mög­lich­kei­ten, die schnel­les Reagie­ren und Kor­ri­gie­ren leich­ter macht. Von Dani­el Kehl­mann bei­spiels­wei­se ist bekannt, dass er ers­te Ent­wür­fe immer hän­disch in ein Notiz­buch schreibt. Elfrie­de Jeli­nek wie­der­um ist bekannt für ihre enge Ver­bin­dung zu Bild­schirm und Tas­ta­tur.
Beim Schrei­ben selbst ist das Wie ver­knüpft mit der Erzähl­per­spek­ti­ve, dem Tem­pus und der Wort­wahl. Aus wel­cher Per­spek­ti­ve man eine Geschich­te schreibt, setzt den Ton für einen Text, eben­so wie die Ent­schei­dung für Prä­sens, Imper­fekt oder Per­fekt – oder eine Mischung. Und es macht auch einen Unter­schied, ob man Din­ge beim kon­kre­ten Namen nennt oder für sich eine eher kom­ple­xe­re Spra­che beschließt.

Wo?

Im Kaf­fee­haus oder unter dem Dach, in einer ein­sa­men Hüt­te oder am Meer – die Orte, wo wir unse­re Tex­te ver­fas­sen, sind viel­fäl­ti­ge wie unse­re Schreib­ideen. Aus Erfah­rung weiß ich, dass viel­fach die Natur als wich­ti­ges Kri­te­ri­um genannt wird. Ent­we­der wünscht man sich eine über­dach­te Ter­ras­se mit Blick ins Grü­ne oder zumin­dest ein Fens­ter mit Blick ins Grü­ne, durch das man wäh­rend des Schrei­bens schau­en kann. Geor­ge Ber­nard Shaw soll das zele­briert haben, indem er sich in sei­nem Gar­ten eine höl­zer­ne Klau­se auf einer rotie­ren­den Platt­form bau­en ließ, um immer wie­der neue Per­spek­ti­ven zu bekom­men. 

Der Inhalt eines Tex­tes kommt häu­fig auch nicht um ein ört­li­ches Set­ting her­um. Wie man eine Ört­lich­keit greif­bar macht oder wel­che Rol­le sie im Plot spielt, sind nur zwei Fra­gen, die sich Schrei­ben­de zu stel­len haben.

Wer?

Viel­fach haben Schrei­ben­de ein Pro­blem damit, sich als Autor:innen zu beschrei­ben. Denn wann genau wird man dazu? Mit dem ers­ten Gedicht? Der ers­ten Publi­ka­ti­on? Dem ers­ten Buch? Das führt häu­fig zu Selbst­zwei­feln, denn oft fragt man sich, wer denn das lesen soll, was man vom Kopf aufs Papier brin­gen will. Eine erwei­ter­te Ver­si­on die­ser Fra­ge wäre also: Wer bin ich, dass ich ein Buch schrei­ben kann? Die­se Selbst­zwei­fel ver­flie­gen meis­tens sehr schnell, wenn man den Schritt in Schreib­grup­pen oder Schreib­work­shops wagt. Denn dort mer­ken wir sehr schnell, dass unse­re Wor­te defi­ni­tiv Rele­vanz haben – was wie­der­um unse­re Selbst­zwei­fel in Schach hält, idea­ler­wei­se zum Ver­schwin­den und uns in die Selbst­er­mäch­ti­gung bringt.

Eine Erzäh­lung – ob Short Sto­ry oder Roman – lebt von den Cha­rak­te­ren. Sie genau zu defi­nie­ren, ihre Merk­ma­le zu nen­nen und der Leser:innenschaft damit eine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­flä­che zu bie­ten, ist essen­zi­ell für jede:n Autor:in. Sher­lock Hol­mes spiel­te die Gei­ge, wenn ihm lang­wei­lig war. Und die Lis­te der Eigen­ar­ten der TV-Seri­en­fi­gur Monk wür­den die­sen Text spren­gen. Meis­tens rei­chen drei Merk­ma­le: ein opti­sches, ein sprach­li­ches und ein wider­sprüch­li­ches.

Sich als Autor:in mit den W‑Fragen zu beschäf­ti­gen, unter­stützt also nicht nur den Text, son­dern auch des­sen Vor­be­rei­tung. Und sie ver­leiht der Arbeit eines Autors/einer Autorin Tie­fe und Glaub­wür­dig­keit.

PS: Der Voll­stän­dig­keit hal­ber und weil das zu Rudyard Kiplings Zei­ten noch kein gro­ßes The­ma war: Das moder­ne sieb­te W ist das Woher. Denn seit wir es mit Fake News zu tun haben, wird das Nen­nen der Quel­le immer wich­ti­ger. 

Die Rei­he „Schrei­ben übers Schrei­ben“ wird vom
Berufs­ver­band Öster­rei­chi­scher Schreibpädagog:innen (BöS) gestal­tet. 

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