✒️ SCHREIBEN ÜBERS SCHREIBEN
Die Intention hinter dem Text
Wer soll das lesen? Wen soll das interessieren?
Fragen, die oft nicht nur von außen kommen, sondern vielfach bereits vorher in uns selbst zu klingen beginnen. Deshalb ist es umso wichtiger, mit einem guten Selbstwert an die Veröffentlichung eigener Texte zu gehen.
VON CLAUDIA DABRINGER
Gerade lese ich ein Buch, dessen Titel ziemlich irreführend sein kann: “Anleitung zum Unkreativsein”. Geschrieben hat es Dirk von Gehlen, der das Pferd vom Schwanz her aufzäumt. Er zeigt, wie man Kreativsein verhindern kann. Und erreicht damit genau das Gegenteil, nämlich dass man sich selbst sagt: “So möchte ich ganz bestimmt nicht sein/werden.” Und er stellt eine sehr wichtige Frage, nämlich nach der Motivation. Im Fall eines*einer Schreibenden würde sie vermutlich so lauten: “Warum will ich schreiben?” Oder genauer: “Warum will ich einen Roman schreiben?”
Ich persönlich habe einen Roman geschrieben, weil ich einen persönlichen Rachefeldzug starten wollte. Unnütz zu sagen, dass der Roman (bislang) noch nicht von der Stelle und aus der Schublade gekommen ist. Denn es kommt natürlich darauf an, eine gute Intention mit dem kreativen Schaffen zu verknüpfen.
Was hat der gute Vorsatz mit unserem Selbstwert zu tun? Mehr als wir glauben. Auf das Gefühl der Rache will ich hier nicht eingehen, das würde den Rahmen sprengen. Doch was sehr wohl von Bedeutung ist: Wir müssen uns gut fühlen mit dem, was wir in die Welt schicken. Rache mag sich zwar anfangs gut anfühlen, ist am Ende aber doch ziemlich destruktiv und erzeugt schlechtes Karma. Wenn ich allerdings der Meinung bin, eine Geschichte zu erzählen, die für andere spannend, interessant und horizonterweiternd sein kann, sieht die Sache schon ganz anders aus.
Dann stehe ich schon ganz gut da, wenn die ersten Reaktionen auf meinen Text kommen. Weil ich mit meiner Intention hinter dem Text stehen kann. Kritisiert jemand, was ich geschrieben habe, fällt es mir leichter, Werk und Identität zu trennen. Ich bin dann kein schlechter Mensch, nur weil ich etwas geschrieben habe, was jemand anders nicht gefällt. Ich kann leichter zurück treten und in eine sachliche Diskussion gehen, beispielsweise wenn es um die Gestaltung von Figuren oder den Plot geht. Kurz: Ich nehme die Kritik weniger persönlich, was sich in vielen Fällen positiv auf den Text auswirken kann.
Eine gute Intention hilft aber auch dabei, den “Imposter” in uns in Schach zu halten. Das Syndrom zeichnet sich dadurch aus, dass man von extremen Selbstzweifeln geplagt wird, wenn es um die eigenen Fähigkeiten und Leistungen geht. Gerade Schreibende, die mit Kritik konfrontiert werden, kommen manchmal an den Punkt. Sie zweifeln ihr Denken, ihr Schreiben, ihre Perspektive an und wollen vielfach nur noch den Hut auf den Text hauen. Das Börsenblatt hat im Juni die Reihe “Wer bin ich, wenn ich nicht schreibe?” gestartet, die sich mit Menschen beschäftigt, die aus dem Literaturbetrieb ausgestiegen sind. Nicht dass ich sie als am “Imposter-Syndrom” Leidende bezeichnen möchte: Frustration steht allemal im Raum, und unter der leiden auch jene, die sich mit wenig Selbstwert externen Beurteilungen stellen. Wer allerdings weiß, warum er*sie etwas genau so geschrieben hat, wie es nun einmal auf dem Papier steht, geht in Richtung Resilienz. Und macht sich dadurch nicht ganz so abhängig von der Anerkennung, über die wir uns am Ende der Geschichte natürlich alle freuen.
Der Unterschied liegt im Detail der Erwartungshaltung. Brauchen wir Anerkennung, um uns gut zu fühlen oder empfinden wir Anerkennung lediglich als ein Sahnehäubchen? Wenn wir Probleme mit unserem Selbstwert haben, werden wir permanent danach trachten, für die öffentliche Anerkennung zu schreiben. Und wie schnell der Lese- und Schreibgeschmack sich ändern kann, erleben wir alle am eigenen Leib. Gerade in der heutigen Zeit, die vielfach durch schnelle Likes geprägt ist, kann die Welt ins Wanken kommen, wenn weniger Zustimmung kommt als erwartet. Verschiebe ich allerdings den Fokus auf mich persönlich, wird vieles entspannter. Dann kann ich mich loben, weil ich an meinem Handwerk feile. Dann kann ich mich loben, weil ich dran bleibe und etwas vollende. Dann kann ich zufrieden mit mir sein, weil ich meinen Text in die Welt getragen habe. Was die anderen daraus machen, findet in ihrem Kopf statt.
✒️ CLAUDIA DABRINGER:
Als Journalistin ziehen sie tagtäglich aktuelle Themen in ihren Bann und eröffnen ihr neue Welten.
Als Autorin gräbt sie nach Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden.
Als Schreibpädagogin und Fachtrainerin unterstützt sie Menschen dabei, ihre Talente zu entdecken und sie in Worte zu fassen.

Die Reihe „Schreiben übers Schreiben“ wird vom
Berufsverband Österreichischer Schreibpädagog:innen (BöS) gestaltet.
