✒️ SCHREIBEN ÜBERS SCHREIBEN
Sollen Schriftsteller:innen mit KI schreiben?
VON ERIKA KRONABITTER
Kürzlich erzählte jemand, die Verlage würden sich beklagen, dass oft an einem Tag von einem Autor fünf (!) Romanmanuskripte eingereicht würden. Man habe daher die Regelung geschaffen, dass pro Autor und Tag nur zwei Manuskripte eingereicht werden dürfen.
Während meines Studiums klagte der Verlagsleiter eines Tiroler Verlages, dass jährlich etwa 5000 Manuskripte eingesendet würden und der Verlag damit total überfordert sei. Die Autor:innen, berichtete er aus der Praxis, hätten eigentlich keine Chance, dass ihre Einsendung gelesen, geschweige denn ihr Buch gedruckt werde, wenn sie dem Verlag nicht bereits bekannt seien bzw. Beziehungen bestünden.
Und nun schreibt da einer mit der KI und wirft die Bücher nur so raus. Macht neben vielem anderen den Markt kaputt, denn das weiß ich seit meinem Studium: Literatur ist ein Markt, auch wenn Autor:innen dies früher als Degradierung verstanden und sich dagegen vehement zur Wehr gesetzt haben. Unsere Bücher sind Produkte mit Marktwert, welche Preisschwankungen oder Preisbindungen unterworfen sind, für die es sich lohnt, Werbung zu machen und über eine Interessensgemeinschaft vertreten zu sein.
KI verwenden – oder mit KI schreiben. Das ist ein weites Feld. KI als Werkzeug zu verwenden ist, salopp gesagt, die Erweiterung unseres Laptops. Früher fand dieser technische Sprung von der mechanischen zur elektrischen zur elektronischen Hardware statt,Korrekturen mit Radiergummi, Tippex, Matrizenlack (ich habe selbst noch so gearbeitet) wurden durch die technischen Neuerungen obsolet. Recherchen im Lexikon, schriftliche Anfragen in Archiven und lange Wartezeiten sind durch die digitalen Zugriffsmöglichkeiten auf Datenbanken der Nationalbibliothek und verschiedene Archive in der ganzen Welt überholt. KI ist also Werkzeug – einerseits.
Andererseits kann KI als Schreibpartnerin eingesetzt werden. Anlässlich meiner langandauernden Schreibblockade hat mich eine Freundin unterstützt und wir haben uns jeden Donnerstag zwei Stunden am Computer verabredet: eine Stunde schreiben, eine Stunde gegenseitiges Vorlesen. Sie in Oberösterreich, ich in Vorarlberg. Sie hat mich begleitet und ermutigt, weiter zu machen.
Die Möglichkeiten von KI sind ähnlich: KI wird zur Partner:in, die bei einer Blockade Vorschläge liefert oder alternative Szenarien vorschlägt. KI kann die stilistische Feinarbeit vornehmen, Wortwiederholungen anzeigen (automatische Rechtschreibkorrekturen usw. gibt es jetzt schon), KI kann auch für Recherchezwecke eingesetzt werden (ist aber nur bedingt zuverlässig: Es ist unerlässlich, den KI-Output durch andere Quellen zu verifizieren).
Wenn KI verwendet wird, um das eigene Schreiben zu ersetzen, zu verbessern zu ergänzen, stellen sich Fragen zu Urheberschaft, Plagiat, Besitz, Diebstahl und Autor:innenschaft: KI-Modelle wurden mit den Werken echter Autor:innen trainiert. Die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) digitalisierte in den vergangenen Jahren in einer Public-Private-Partnership mit Google hunderttausende urheberrechtsfreie Werke. Im Netz findet man bei Google aber auch Werke von lebenden Autor:innen – oft ohne deren explizite Zustimmung.
Viele Schriftsteller:innen lehnen die Nutzung daher aus Prinzip oder aus Solidarität mit Kolleg:innen ab. Ich persönlich habe zu dieser ablehnenden Haltung ein gespaltenes Verhältnis: Es sind wahrscheinlich auch meine Texte digitalisiert und somit gestohlen und nun ins ewige Netz eingespeist worden. Somit bin ich Mitbesitzerin dieses digitalen Reiches und kann es auch für meine Zwecke verwenden.
Literaturphilosophisch wird argumentiert, Literatur bestehe vor allem darin, menschliche Erfahrungen, Wahrnehmungen und Gefühle auszudrücken während KI keine eigenen Erfahrungen und keine Biografie habe und daher nur Muster erzeuge.
Dem ist entgegenzuhalten, dass auch viele Autor:innen über Erfahrungen schreiben, die sie so nicht gemacht haben. Die Geisha von Arthur Golden zeigt beispielhaft, wie sich ein Autor eine Figur hineinversetzen kann, mit der ihn nichts verbindet, außer der Tatsache, dass beide Menschen sind:
Der Autor des Romans ist ein Mann, seine Protagonisten eine Frau,
der Autor ist Amerikaner, die Geisha ist Japanerin,
der Autor und seine Heldin entstammen Gesellschaften, deren Sitten, Wertmaßstäbe und Möglichkeiten sich grundlegend voneinander unterscheiden.
Ein Augenmerk in der Literaturwissenschaft liegt auf der Intertextualität. Der Begriff wurde Ende der 1960er Jahre von der Literaturtheoretikerin Julia Kristeva geprägt und besagt, dass ein literarischer Text kein geschlossenes System ist, sondern immer auf andere Texte verweist.
Texte existieren demnach nicht isoliert, sondern treten durch Zitate, Anspielungen, Motive oder Strukturen in einen direkten Dialog mit anderen Texten. Jeder Text ist demnach ein Geflecht aus bereits bestehenden kulturellen und sprachlichen Elementen. – Dein Text, mein Text, Texte von J.K Rowling, Stephen King und alle anderen.Wir sind ständig im Austausch mit den anderen, mit dem Lesen, Hören, Vorträgen, Lyrik usw. Man spricht von nicht supervidiertem Lernen: Allein das Hören, das Lesen bringt bereits eine unbewusste Aneignung von Texten mit sich, die das Gehirn beim Schreiben wieder „ausspuckt“. Die KI ist sozusagen nicht mehr als die Erweiterung meines Gehirns, aus dem ich meine Inspiration schöpfe.
Es ist auch nicht so, dass meine eigene künstlerische Stimme verdrängt wird, wenn ich das nicht will. Als mündige Autorin habe ich es selbst in der Hand, generierte Texte in meinen Ton zu setzen – wenn ich einen Ton für mein Schreiben gefunden habe.
Eine wichtige Überlegung, KI-generierte Texte in der eigenen Literatur zu verwenden, ist die Frage nach dem „Warum“: Warum nutze ich KI? Warum bediene ich mich nicht meines eigenen Verstandes, warum lasse ich mich beim Denken lieber bedienen?
Die Gefahr, das Selbstdenken zu verlernen, ist groß. Alles, das du abgibst, birgt die Gefahr des Verlernens, somit unmündiger zu werden. Aufklärung aber, so der große Philosoph Immanuel Kant, ist ja genau das Gegenteil, nämlich das Heraustreten des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Selbstverschuldet ist die Unmündigkeit, wenn man sich trotz seines Verstandes von anderen leiten lässt und sich nicht seines eigenen Verstandes bedient.
Klar ist jedenfalls: Meine Biografie, mein persönliches Erleben, meine geheimen Überlegungen kann die KI nicht kennen und nicht wissen. Also ist hier mein eigenes Schreiben gefragt. Und so ist es auch beim Erstellen eines eigenen Textes: Wenn mir ein Gedicht, eine Erzählung – und sei es nur die Passage einer Geschichte – besonders gelungen ist, fühlt es sich mega gut an. Ob das beim Generieren durch die KI auch passiert, ob ich dann auch dieses Glücksgefühl erlebe, diese Freude, dass mir das gelungen ist, weiß ich nicht.
Vielleicht aber doch, wenn ich den KI-Vorschlag wieder bearbeite, den Text verändere … dem Text meine eigene Sprache, meinen eigenen Ton gebe …?
All das musst du selbst entscheiden.
✒️ ERIKA KRONABITTER:
Als Autorin versucht sie jeden Tag aufs Neue, am Schreiben „dran“ zu bleiben. Manchmal entsteht dabei Literarisches. Zuletzt entstand das Sachbuch Schreibpädagogik. Eine Einführung
Als Schreibpädagogin versucht sie, die Lehrgangs- und Workshopteilnehmer:innen von der Lust der Inspiration zu begeistern und zur Umsetzung der Ideen zu animieren.
Als Organisatorin steht sie immer wieder vor der Tatsache, dass der Tag nur 24 Stunden hat und viele Ideen auf die Want-to-do-Liste gesetzt werden müssen.

Die Reihe „Schreiben übers Schreiben“ wird vom
Berufsverband Österreichischer Schreibpädagog:innen (BöS) gestaltet.
