Schreiben macht glücklich

✒️ SCHREI­BEN ÜBERS SCHREI­BEN

Schreiben macht glücklich

VON ERI­KA KRONABIT­TER

Mein Tag hat nur 24 Stun­den. Zu wenig, um all das zu tun, was ich ger­ne tun möch­te – oder bes­ser gesagt, von dem ich glau­be, es tun zu wol­len. Denn manch­mal ist es nicht das Tun-Wol­len, son­dern das Tun-Müs­sen, das unse­ren All­tag bestimmt. Vie­les kommt dazwi­schen, das Gedan­ken­ka­rus­sell dreht sich, der Auto­pi­lot ist ein­ge­schal­tet. Gera­de des­halb ist Schrei­ben eine Mög­lich­keit, inne­zu­hal­ten und sich auf den Augen­blick zu kon­zen­trie­ren.

Vie­le Schreib­pro­jek­te schei­tern dar­an, dass wir uns nicht genü­gend Zeit neh­men, uns einer Sache wirk­lich zuzu­wen­den. Dabei beginnt Schrei­ben mit Acht­sam­keit mit der Fähig­keit, genau­er hin­zu­se­hen, hin­zu­hö­ren, zu rie­chen, zu schme­cken und zu spü­ren. Wir neh­men nicht nur äuße­re Umstän­de wie Raum, Zeit und Atmo­sphä­re wahr, son­dern auch unse­re inne­ren Zustän­de: Gefüh­le, Erwar­tun­gen, Unsi­cher­hei­ten, Ängs­te, Zwei­fel und Sehn­süch­te. All das bil­det den Boden, auf dem Tex­te ent­ste­hen.

Acht­sam­keit bedeu­tet, im Hier und Jetzt ver­an­kert zu sein und zugleich offen für das Unvor­her­ge­se­he­ne zu blei­ben. Denn Schrei­ben ist nicht aus­schließ­lich ein bewuss­ter, kon­trol­lier­ter Vor­gang. Manch­mal bringt ein Text etwas an die Ober­flä­che, von dem wir zuvor nicht wuss­ten, dass es in uns vor­han­den ist. Das Unbe­wuss­te erhält Raum, Gedan­ken ent­wi­ckeln eine eige­ne Dyna­mik, Erin­ne­run­gen und Emp­fin­dun­gen ver­bin­den sich neu. Um sol­che Erfah­run­gen zu ermög­li­chen, braucht es einen Rah­men, eine geziel­te Auf­ga­ben­stel­lung oder eine for­ma­le Begren­zung. Acht­sam­keit und schöp­fe­ri­sche Frei­heit schlie­ßen ein­an­der nicht aus, sie bedin­gen ein­an­der.

In einer Gesell­schaft, die von Beschleu­ni­gung, Leis­tungs­druck und per­ma­nen­ter Reiz­über­flu­tung geprägt ist, wird unse­re Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit zuneh­mend her­aus­ge­for­dert. Auch der Schreib­pro­zess bleibt davon nicht unbe­rührt. Oft ste­hen Erfolg, Ver­wert­bar­keit und Selbst­op­ti­mie­rung im Vor­der­grund, wäh­rend die Freu­de am Ent­ste­hen eines Tex­tes, die indi­vi­du­el­le Hand­schrift und die Erfah­rung des Schrei­bens selbst in den Hin­ter­grund tre­ten.

Hier setzt Schreib­päd­ago­gik an. Sie schafft Frei­räu­me, in denen Men­schen ihre Wahr­neh­mung schär­fen, gewohn­te Denk­mus­ter ver­las­sen und eine eige­ne sprach­li­che Stim­me ent­wi­ckeln kön­nen. Sprach­spiel, Sprach­re­fle­xi­on und Sprach­kri­tik sind dabei wesent­li­che Zugän­ge. Denn Spra­che bil­det Wirk­lich­keit nicht nur ab, sie gestal­tet sie. Ein acht­sa­mer Umgang mit Wor­ten ist des­halb auch ein gesell­schaft­li­cher und poli­ti­scher Akt.

Wahr­haf­tig­keit ent­steht dort, wo wir uns auf­rich­tig mit unse­rem eige­nen Erle­ben, Den­ken und Emp­fin­den aus­ein­an­der­set­zen. Es geht nicht dar­um, eine abso­lu­te Wahr­heit zu for­mu­lie­ren, son­dern einen Aus­druck zu fin­den, der dem Eige­nen ent­spricht. Schrei­ben wird so zu einer Form der Selbst­be­geg­nung. Es kann Distanz zu belas­ten­den Erfah­run­gen schaf­fen, neue Per­spek­ti­ven eröff­nen und uns mit Sei­ten bekannt machen, die wir bis­lang kaum wahr­ge­nom­men haben.

„Aber“ – denkt da etwas in dir…. 

Mach eine klei­ne Schreib­übung dazu: Ver­drän­ge das klei­ne „Aber“ nicht, son­dern schenk ihm dei­ne Auf­merk­sam­keit, nur ein paar Minu­ten: Schau dir dein urei­ge­nes „Aber“ an, beschrei­be, wonach es riecht, wie es aus­sieht, wie es klingt, wie es schmeckt oder sich anfühlt. Aus dem gesam­ten Worte­pool schreib dann einen Text. 

Viel­leicht macht Schrei­ben gera­de des­halb glück­lich: weil es uns für eine Wei­le aus dem Auto­pi­lo­ten des All­tags befreit. Weil wir uns selbst und der Welt wie­der auf­merk­sa­mer begeg­nen. Weil wir etwas Eige­nes ent­ste­hen las­sen, ohne es sofort an Leis­tung und Erfolg mes­sen zu müs­sen. Schrei­ben bedeu­tet, sich Zeit zu neh­men, für die Spra­che, für die Wahr­neh­mung und für sich selbst. Was dar­aus ent­ste­hen kann, ist mehr als ein Text: ein Stück Selbst­er­fah­rung, Selbst­er­mäch­ti­gung und Frei­heit.

Und das „Aber“, das dich viel­leicht hin­dern woll­te, dich ans Schrei­ben zu set­zen, bekommt jetzt eine leuch­ten­de Far­be, du setzt es auf den Stuhl neben dich, und es lässt sei­ne See­le bau­meln.

TIPP:
Schrei­ben als Acht­sam­keit | 20. Novem­ber 2026, 10 bis 17 Uhr
Ein ONLINE-Schreib­work­shop mit Petra Gangl­bau­er
www.bös.at

Die Rei­he „Schrei­ben übers Schrei­ben“ wird vom
Berufs­ver­band Öster­rei­chi­scher Schreibpädagog:innen (BöS) gestal­tet. 

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