
Zdenka Becker:
Tanzen im Kopf
Amalthea 2026
ISBN: 978–3‑99050–304‑1
272 S. | € 26,70
Rezension: mpk
Die pensionierte Krankenschwester Mara verlässt alle zwei Wochen ihr Dorf in der Slowakei, um sich als 24-Stunden-Pflegekraft um die ehemalige Tänzerin und Choreografin Elvira zu kümmern, die an ALS erkrankt ist.
Anders als so manche Kollegin, mit der Mara im Sammeltaxi zwischen Heimat und Österreich pendelt, hat es Mara gut erwischt. Obwohl die Arbeit sowohl körperlich anstrengend als auch psychisch aufwühlend ist, fühlt sie sich bei Elvira und ihrem Vater Fred, der hilft, wo er kann, bald wohler als zu Hause.
Zdenka Becker zeigt Mara nicht nur als Pflegekraft, sondern zeichnet auch ihren Lebensweg nach. Mara wird früh Mutter, glücklich ist sie in ihrer Ehe nicht, denn ihr Mann Ondej trinkt, immer wieder schlägt er auch zu.
Dennoch macht sich Mara Sorgen um Ondrej, wenn er allein zu Hause ist, auch fühlt sich ihm gegenüber verpflichtet, so wie sie permanent mit dem schlechtes Gewissen zu kämpfen hat, weil sie sich durch ihre Tätigkeit in Österreich immer nur einen halben Monat um ihre Enkelinnen kümmern kann.
“Gute Erholung”, wird Pflegekräften oft gewünscht, wenn sie nach ihrer 2‑Wochen-Schicht nach Hause fahren. Was viele nicht bedenken: In den zwei Wochen müssen die Frauen zu Hause anpacken, alles wieder in Ordnung bringen, was in ihrer Abwesenheit aus dem Lot geraten ist, und nicht selten werden sie mit Vorwürfen konfrontiert.
Trotz der schwierigen Thematik ist “Tanzen im Kopf“ kein düsteres Buch. In Elvira, die sich nur mehr mittels Computer mit Augensteuerung mitteilen kann, steckt noch viel Neugier und Interesse, immer wider wünscht sie sich, dass Mara von zu Hause erzählt, und auch Fred begegnet der Pflegekraft mit großer Dankbarkeit und kümmert sich sogar um Mara, als diese an Corona erkrankt. So erlebt Mara das erste Mal seit langem, wie es ist, wenn jemand anderer sich um sie sorgt.
Es ist eine warmherzige Geschichte, die Zdenka Becker erzählt, gleichzeitig wird nichts beschönigt. Vor allem aber wird aufgezeigt, wie die Zusammenarbeit von externen Pflegenden und Angehörigen im Idealfall stattfinden sollte. Allem voran steht ein Leben in Würde, auf das sowohl Patient*innen – seien sie nun als ALS oder Alzheimer erkrankt – als auch die Pflegekräfte ein Anrecht haben.
Tanzen im Kopf ist ein berührender Roman, ein wichtiger Roman – denn das Thema betrifft uns alle.

Margarita ist seit 2009 bei &Radieschen. Sie ist für den Satz der Zeitschrift sowie den reibungslosen Ablauf von Einsendeschuss bis Druck verantwortlich. Wenn sie dazukommt, rezensiert sie für unserem Blog Neuerscheinungen aus Österreich – auch aus dem Bereich der Kinder- und Jugendliteratur. Mehr über ihr eigenes literarisches Schaffen erfährst du auf margarita-kinstner.com).
