Schreiben als Ressource

✒️ SCHREI­BEN ÜBERS SCHREI­BEN


Schreiben als Ressource

VON ERI­KA KRONABIT­TER

Schrei­ben ist mehr als eine Kul­tur­tech­nik – es ist eine Res­sour­ce, viel­leicht eine der unter­schätz­tes­ten unse­rer Zeit

In einer Welt, die auf Geschwin­dig­keit, Reiz­über­flu­tung und per­ma­nen­te Kom­mu­ni­ka­ti­on setzt, wirkt Schrei­ben bei­na­he ana­chro­nis­tisch. Und doch ent­fal­tet es gera­de dar­in sei­ne eigent­li­che Kraft: Es ver­lang­samt dich, ver­dich­tet dei­ne Wahr­neh­mung und eröff­net Räu­me, in denen Den­ken erst mög­lich wird. Wenn du schreibst, hältst du inne – und genau in die­sem Inne­hal­ten beginnt bereits der Pro­zess des Ver­ste­hens.

Im Zen­trum steht dabei ein Begriff, den du viel­leicht aus der Psy­cho­lo­gie kennst: Ref­raming. Gemeint ist die Fähig­keit, Erleb­tes in einen neu­en Rah­men zu set­zen, ihm eine ande­re Bedeu­tung zu geben. Schrei­ben ist dafür ein idea­les Werk­zeug. Es erlaubt dir, Gedan­ken nicht nur fest­zu­hal­ten, son­dern sie zu bewe­gen, zu ver­schie­ben, neu zu betrach­ten. Was zunächst dif­fus erscheint, gewinnt im Akt des For­mu­lie­rens Kon­tur. Oder zuge­spitzt: Woher soll­test du wis­sen, was du denkst, bevor du gele­sen hast, was du geschrie­ben hast?

© Image by Mon­fo­cus from Pix­a­bay

Die Grün­de, war­um du schreibst, kön­nen viel­fäl­tig sein. Viel­leicht willst du dich beru­hi­gen, etwas fest­hal­ten oder end­lich ver­ste­hen, was in dir vor­geht. Viel­leicht möch­test du etwas los­wer­den, das dich beschäf­tigt, oder dir selbst näher­kom­men. Zwi­schen Tage­buch und Pro­test­brief, zwi­schen Lie­bes­brief und To-do-Lis­te spannt sich ein wei­ter Raum auf. Schrei­ben kann für dich ein Ort des Abre­agie­rens sein, aber auch ein Raum für Visio­nen, Humor oder Ver­söh­nung. Es kann dich ver­letz­lich machen oder schüt­zen, klä­ren oder bewusst ver­schlei­ern. Selbst Täu­schung – gegen­über ande­ren oder dir selbst – gehört zu sei­nen Mög­lich­kei­ten.

Gera­de die­se Ambi­va­lenz macht Schrei­ben so inter­es­sant. Es ist nie nur Werk­zeug, son­dern immer auch Aus­druck dei­ner Hal­tung. Wenn du schreibst, struk­tu­rierst du nicht nur dei­ne Welt – du gestal­test sie aktiv mit. Gedan­ken wer­den zu Sät­zen, Sät­ze zu Wirk­lich­kei­ten. Das kann befrei­end sein, wenn du inne­ren Druck in Wor­te fasst, aber auch mani­pu­la­tiv, wenn Spra­che dazu dient, etwas zu beschö­ni­gen oder zu ver­zer­ren. Schrei­ben ist damit immer auch eine Fra­ge dei­ner Ver­ant­wor­tung.

Zugleich ist Schrei­ben ein Mit­tel der Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Es bringt dein Inne­res nach außen und macht das Nicht-Fass­ba­re greif­bar. Viel­leicht erlebst du es als eine Art inne­ren Dia­log: ein Sich-selbst-Begeg­nen auf dem Papier. In die­sem Pro­zess kön­nen neue Ein­sich­ten ent­ste­hen, Per­spek­ti­ven sich ver­schie­ben, Blo­cka­den sich lösen. Schrei­ben wird so zu einem Werk­zeug dei­ner Refle­xi­on, manch­mal sogar dei­ner Ver­än­de­rung. Es hilft dir nicht unbe­dingt, Ant­wor­ten zu fin­den – aber bes­se­re Fra­gen zu stel­len.

Bemer­kens­wert ist auch, dass du oft frei­wil­lig schreibst, obwohl es Mühe kos­tet. Kaum jemand wür­de „frei­wil­lig rech­nen“, doch vie­le grei­fen intui­tiv zum Stift. Viel­leicht liegt das dar­an, dass Schrei­ben mehr ist als ein ratio­na­ler Akt. Es ver­bin­det Den­ken mit Gefühl, Spra­che mit Kör­per­lich­keit – etwa dann, wenn du mit der Hand schreibst, den Rhyth­mus dei­ner Wor­te spürst oder dein Schrift­bild betrach­test. Schrei­ben kann so zu einer sinn­li­chen Erfah­rung wer­den, zu einem Spiel mit Spra­che, zu einem krea­ti­ven Raum.

Natür­lich ist Schrei­ben nicht der ein­zi­ge Weg. Viel­leicht gehst du spa­zie­ren, hörst Musik, sprichst mit Freun­din­nen oder suchst Stil­le, um dich zu ord­nen. Viel­leicht lenkst du dich ab oder reagierst emo­tio­nal. All das sind Stra­te­gien, die dir hel­fen kön­nen. Doch Schrei­ben unter­schei­det sich durch sei­ne beson­de­re Qua­li­tät: Es lässt dich füh­len und gleich­zei­tig struk­tu­rie­ren. Es gibt dei­nen Gedan­ken eine Form, mit der du wei­ter­ar­bei­ten kannst.

Wenn du schreibst, bist du außer­dem nie ganz allein. Du bewegst dich in einem Raum, der von ande­ren geprägt wur­de – von Lite­ra­tur, von Phi­lo­so­phie, von all den Tex­ten, die dich beein­flusst haben. Schrei­ben kann dir das Gefühl geben, Teil eines grö­ße­ren Gesprächs zu sein. Du trittst ein in eine Tra­di­ti­on und fügst dei­ne eige­ne Stim­me hin­zu. Und doch gibt es oft eine Hür­de: den Mythos des Genies. Viel­leicht kennst du den Gedan­ken, nicht gut genug zu sein, nicht klug genug, nicht ori­gi­nell genug. Vie­le schrei­ben nicht, weil sie glau­ben, Schrei­ben sei nur für „Beson­de­re“. Aber Schrei­ben beginnt nicht mit Per­fek­ti­on. Es beginnt mit einem Satz. Mit dei­nem Satz.

Schrei­ben ist auch gesell­schaft­lich bedeut­sam. Es dient dir zur Kom­mu­ni­ka­ti­on, zur Refle­xi­on, zur Kri­tik. Schrei­ben kann Öffent­lich­keit her­stel­len oder ganz pri­vat blei­ben. Es kann ver­än­dern – dich selbst und viel­leicht auch ande­re. Gleich­zei­tig bleibt es ein inti­mer Akt: ein Rück­zug in einen Raum, in dem dei­ne Gedan­ken ohne unmit­tel­ba­re Bewer­tung exis­tie­ren dür­fen.

Viel­leicht lässt sich Schrei­ben am bes­ten als Bewe­gung beschrei­ben: nach innen und nach außen zugleich. Es hilft dir, dich zu ord­nen und gleich­zei­tig die Welt zu adres­sie­ren. Es kann klä­ren, irri­tie­ren, befrei­en oder her­aus­for­dern. Und gera­de weil es all das kann, bleibt es eine zen­tra­le Pra­xis – nicht trotz, son­dern wegen der Gegen­wart, in der du lebst.

Von den Mer­se­bur­ger Zau­ber­sprü­chen bis zur auto­bio­gra­fi­schen Lite­ra­tur der 68er Gene­ra­ti­on – zu allen Zei­ten hat es Ver­su­che gege­ben, Spra­che als eine Form mög­li­cher Hei­lung ein­zu­set­zen, Schrei­ben als Befrei­ung von inne­rem Druck, als Aus­lö­ser von Bewusst­seins­pro­zes­sen. Gera­de dar­in zeigt sich, war­um Schrei­ben eine Res­sour­ce ist: Es steht dir jeder­zeit zur Ver­fü­gung, unab­hän­gig von Ort, Zeit oder ande­ren Men­schen. Es hilft dir, inne­re Pro­zes­se zu ord­nen, Distanz zu gewin­nen und gleich­zei­tig in Kon­takt mit dir selbst zu blei­ben. Schrei­ben ver­wan­delt Unkla­res in Greif­ba­res und macht Ver­än­de­rung über­haupt erst mög­lich. Es ist Werk­zeug, Spie­gel und Expe­ri­men­tier­raum zugleich. Schrei­ben hilft dir, eine inne­re Balan­ce und/oder eine humor­vol­le Distanz zu dei­nen Pro­ble­men zu erhal­ten. Und viel­leicht ist es genau dies, was es so wert­voll macht: Du kannst mit dir selbst arbei­ten – mit nichts wei­ter als Wor­ten.

Die Rei­he „Schrei­ben übers Schrei­ben“ wird vom
Berufs­ver­band Öster­rei­chi­scher Schreibpädagog:innen (BöS) gestal­tet. 

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